Tobias Faix / Johannes Reimer: Die Welt verstehen

So klar und deutlich habe ich es selbst vom erfahrene Autorenduo Tobias Faix und Johannes Reimer bislang noch nicht gehört. Sie rufen dazu auf, den Blick hinaus in die weite Welt zu richten, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die warme, hin und wieder betriebsblind gewordene Gemeinde kritisch zu hinterfragen.

Was beschäftigt die Menschen draußen in unseren Städten? Wie leben sie? Warum finden sie nicht mehr den Weg in unsere Gemeinden? Wie kam es zu der Kluft des nicht mehr Ansprechens?

Um auf all die Fragen gut fundierte Antworten zu bekommen, bemühen die Autoren das Zauberwort "Kontextanalyse". Mit ihrer Hilfe wird nach der Lebenssituation von Menschen geschaut, die unsere Gemeinden heute nicht mehr erreichen. Unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der jeweiligen Gemeinde vor Ort, wird dann geschaut wie auch diesen Menschen von der Liebe Gottes erzählt werden kann.

Fragebögen und Beispiele aus der Gemeinde sind behilflich, wirksame Ansätze für eine Kontextanalyse zu finden. Von Gemeinde zu Gemeinde wird die Kontextanalyse sehr unterschiedlich aussehen, Hilfen wird aber jede Gemeinde aus diesem Buch finden können.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist der Blick in die Moderne und die immer wieder solide Rückschau auf biblische Werte. Beide Autoren stehen dafür und beweisen dies mit diesem Buch aufs Neue. Um so tiefer ich in dieses Arbeitsbuch eindringe, um so spannender liest es sich, eine Vielzahl von Chancen und Möglichkeiten von missionarischer Arbeit wird sichtbar.

Dieses Buch sollte Pflichtlektüre in allen Gemeindeleitungen werden?

Verlag der Franckebuchhandlung, ISBN 978-3-868-27319-9, Preis 24, 95 Euro

 

Dr. Tobias Faix und Prof. Dr. Reimer haben buecherandernleben nun folgende Fragen beantwortet:


 Frage: Soeben ist "Die Welt verstehen" erschienen. Sie versuchen in diesem Buch den Blick von Gemeinden für die Menschen zu schärfen die wir heute nicht mehr erreichen. Seit wann und warum ist zwischen ganzen Gruppen und unseren Gemeinden Funkstille?


  Johannes Reimer: Gute Frage und wie jede gute Frage mit einem Satz nicht zu beantworten. Der Pietismus und die deutschen Freikirchen haben sich der Gesellschaft durch den nach dem 2. Weltkrieg intensiv gelebten Nonkonformismus und die theologische Abgrenzung von einer im Säkularismus verfangenen Gesellschaft entfremdet. Die Volkskirche hat sich dagegen weitgehend der Gesellschaft angepasst und hat damit ihr spirituelles Profil verloren. Beide Gruppen positionieren sich vor allem in der bürgerlichen Mitte und sind damit für andere Teile der Gesellschaft unattraktiv.

 Tobias Faix: Ich glaube, dass das eine lange Entwicklung auf ganz unterschiedlichen Ebenen ist. Es ist ja eigentlich verrückt, dass die meisten Christen mitten im Leben stehen, an ihrer Arbeitsstelle, in Vereinen oder einfach in der Nachbarschaft. Aber innerhalb der Kirchen und Gemeinden haben sich in den letzten Jahren viele nur um sich selbst gedreht. Außerdem sind die Milieugrenzen in Deutschland zunehmend verhärtet und Gemeinden und Kirchen befinden sich meist in der Bürgerlichen Mitte und Traditionsbewussten und so sehen eben die Gottesdienste auch aus. Zudem wurde das diakonische Handeln professionalisiert und dadurch aus den Gemeinden ausgelagert.
 

Hat Kirche den Anschluss verpasst oder kann sie noch aufholen?

Tobias Faix: Es geht meiner Meinung nicht in erster Linie um "die Kirche", sondern um die Menschen in und außerhalb der verschiedenen Kirchen. Und es ist nie zu spät, dass sich Menschen begegnen und Verantwortung füreinander übernehmen. Kirche braucht Strukturen und Traditionen, aber sie braucht es für und mit den Menschen.


 Johannes Reimer:  Wenn wir nicht daran glauben würden, dass es eine Chance zur Erneuerung gibt, würde wir uns sicher nicht mehr entsprechend betätigen. Gottes Kirche hat sich immer wieder neu gefunden, weil sie eine Kirche des Geistes und damit der Hoffnung ist. Freilich wird die Erneurung einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel im Bewusstsein der Verantwortlichen voraussetzen. Und dafür sehe ich bereits deutlichen Zeichen an der Wand.

 Was muss ganz konkret geschehen damit sich möglichst viele Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen wieder von uns einladen lassen?


 Johannes Reimer: Erstens, wir sollten die Einladung annehmen, die diese Menschen uns seit Jahren aussprechen und mit ihnen zusammen an der Verbesserung der Lebensqualität in unseren Dörfern und Städten arbeiten. Wer gehört werden will, sollte vor allem selbst zuhören lernen. Wer mitreden will, sollte andere zu Wort kommen lassen. Auch dann, wenn diese anderen anderer Meinung sind. Nichts wäre heute wichtiger als die Entscheidung der Christen das Reich Gottes in der Welt mit den Menschen zusammen zu bauen. Nicht für sie und erst recht nicht gegen sie, sondern MIT IHNEN.

Zweitens, wir sollten nach Ausdrucksformen der Spiritualität suchen, die von diesen Menschen verstanden werden. Das Evangelium muss für den heutigen Menschen kontextualisiert werden. Die Kirche wird sich deshalb von ihrem Stolz auf Tradition und museales Besserwissen verabschieden müssen. Sie muss ihre soziale Gestalt im Heute finden. Und da unsere Gesellschaft längst pluriform und multikulturell ist, wird die Kirche ihr einheitliches Gewand ablegen müssen.

Drittens, wir sollten uns Gott nähern. Nur eine Kirche, die spirituelle Kraft besitzt, die Kraft des Heiligen Geistes, die jenseits wohlformulierter theologischer Formeln lebt und Taten vollbringt, die Jesus vollbracht hat, kann den spirituell suchenden Zeitgenossen überzeugen. Solange ein indischer Guru „mehr kann“ als der evangelische Pfarrer, wird niemand die Fleischtöpfe Ägyptens verlassen und uns nach in das verheißene Land aufbrechen.

Tobias Faix: Ich glaube wir müssen die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen ernst nehmen und ihnen zuhören, was sind ihre Hoffnungen, Ängste und Zweifel. Die Menschen sind es müde, Antworten auf Fragen zu bekommen, die sie nie gestellt haben. Außerdem müssen wir als Christinnen und Christen wieder neu lernen Verantwortung für unseren Ort oder Stadtteil zu übernehmen, uns einmischen und uns vor allem für die einsetzen, die keine Stimme haben. Wir Christen müssen wieder als prophetische Stimme in unserer Gesellschaft sein.

 Fangen wir mal an zu träumen. Wir schließen die Kirchentür auf und alle sind gekommen, was haben wir zu bieten?

Tobias Faix: Ehrlich gesagt ist mein Wunsch, dass unsere Kirchentüren aufgehen udn die Christen rausrennen, raus zu den Menschen....

Die ersten die davon profitieren würden, wären wir als Christinnen und Christen, weil unser Leben dadurch neue Kraft und neues Leben bekommen würde. Geistlicher Wachstum geschieht innerhalb und außerhalb der Kirchentür, beides gehört zusammen und muss eine Balance bilden.


 Johannes Reimer: Tja, so funktioniert es nicht und ich bin gar nicht erst bereit mich da in süße Träumereien einwickeln zu lassen. Nicht die Menschen kommen zu uns – wir sollten zu ihnen gehen, Unser Gottesdienst muss im Angesicht der Welt stattfinden, wie ich das in meinem gleichnamigen Buch vorgeschlagen habe. Nicht wir werden den Menschen etwas bieten, sondern wir betreten gemeinsam mit diesen Menschen Räume in denen Gott uns allen Sich selbst bietet! Das ist eine kirchliche Willkommenskultur, die auf Partizipation und Inklusion drängt. Eine solche Kultur rechnet mehr mit dem Wirken Gottes und weniger mit der Wirksamkeit kirchlicher Programme.

 Ist es wirklich realistisch daran zu glauben, dass wir die noch erreichen die bereits resigniert das Gesicht abgewendet haben?

Tobias Faix: Klar, gerade für die ist Jesus gekommen. Die Kranken brauchen einen Arzt, nicht die Gesunden. Außerdem sind wir nur die Helfer und Helfeshelfer von Gottes großer Mission mit und unter den Menschen.


 Johannes Reimer:  Ich komme aus der Sowjetunion, aus dem ersten Land der gelebten Unglaubens. Ich habe gesehen, was alles möglich ist, wenn Christen, und seien sie noch eine verschwindend kleine Gruppe, bewirken können, wenn sie beginnen ihrem Wesen und Auftrag entsprechend zu leben. Ich selbst war einer dieser „wissenschaftlich fundierter“ Atheisten. Und wenn Gott mich und Millionen anderer transformiert hat, warum sollte er uns Deutschen nicht erreichen können. Das ist keine Träumerei, das ist blanker Realismus, der gefüttert wird aus dem 2000 jahren alten Fundus der Kirchengeschichte.

 

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