Cornelius Weiss:  Risse in der Zeit

Der in Berlin geborene Wissenschaftler blickt zurück auf sein Leben und dieser Blick weitet sich aus auf seine ganze Familie. So wird sein Buch weit mehr als eine Autobiographie, es wird zum spannenden Geschichtsvortrag durch Generationen und Diktaturen hindurch.

Bereits der Vater von Cornelius Weiss war ein Wissenschaftler. Carl Friedrich Weiss hat noch im April 1945 die so wertvollen 21 Gramm Radium nach Berchtesgaden geschafft, damit sie ja nicht verloren gehen in den Kriegswirren. Man sollte daraus nun nicht schließen, dass Carl Friedrich Weiss ein Wissenschaftler im Dienste der Diktatur gewesen wäre, sein Sohn jedenfalls beschreibt ihn als "christlichen Sozialisten" der das Regime verachtete.

Sicher wird niemand Carl Friedrich Weiss besser verstehen können als der Sohn allein, denn er selbst war auch Wissenschaftler im Dienste einer Diktatur. Sehr genau schreibt er vom Forschen in der DDR und von den politischen Einflüssen, mit denen sich die Wissenschaft ständig auseinander zu setzen hatte.

Umfassend lässt uns Weiss in seine Familiengeschichte blicken. Egal ob er vom sowjetischen Lager berichtet, in dem die ganze Familie fest saß oder von den politischen Umbrüchen des Jahres '89 wie er sie in Leipzig miterlebt hatte. Gerade durch die Vielzahl seiner kleinen Geschichtchen am Rande wird dieses Geschichtsbuch zu einem Erlebnis. Es hebt sich positiv aus anderen Erinnerungen heraus, weil es vieles berichtet, dass mir jedenfalls bislang so nicht bekannt war. So war Weiss zum Beispiel in den letzten DDR-Jahren auf Hiddensee im Urlaub. Und weil wieder einmal alle Tageszeitungen am Kiosk ausverkauft waren griff er zur sowjetischen Partei- und Staatszeitung "Prawda", was in der Übersetzung ironischer Weise Wahrheit bedeutet. Sehr erstaunt las er einen langen Artikel vom damaligen Sowjetchef Andropow. Wie Weiss in seinem Buch berichtet, stand in diesem Artikel sozusagen eine Rede Andropows, in der er mit seinen Landsleuten Fraktur geredet hat. Es ging dabei nicht nur um die Ignoranz von Parteisekretären und um die Korruption, nein er sprach bereits 1983 von dringend erforderlichen innenpolitischen Reformen. In der DDR erfuhren wir von alledem natürlich nichts.

Nach der Wende trat Weiss dann in die SPD ein und wurde sogar Mitglied des Landtages in Sachsen.

Sein Buch ist gleich in mehrfacher Hinsicht wichtig. Es ist zum einen für den Autor eine wichtige Auseinandersetzung mit seiner Familie und den selbst erlebten Dikaturen, es ist, als Geschichtsbuch betrachtet, aber auch für den Leser sehr wichtig, weil in diesem Buch vieles steht, was ein Geschichtsbuch nicht bieten kann.

Rowohlt, ISBN 978-3-498-07374-9, Preis 19, 95 Euro

 

Nach oben