Krista und Johannes Gerloff:  Eine Busfahrt in Jerusalem

45 Episoden aus dem fernen Israel schreibt das seit vielen Jahren in Jerusalem lebende Ehepaar Krista und Johannes Gerloff. Es sind kurze Episoden die fern aller herkömmlichen Erwartungen den Alltag in Jerusalem beschreiben. Die Gerloffs scheinen viel mit dem Bus zu fahren. Für den Leser ist das nur gut, genau dort erfährt der Leser viel vom eigentlichen Leben in jenem fernen Land von dem uns vieles trennt und mit dem uns noch mehr verbindet.

Wer sich auf das Wagnis einlässt den Alltag in Jerusalem zu beschreiben, der kommt an der Politik und am Zusammenleben mit anderen Nationalitäten nicht vorbei. All dies machen die Gerloffs in ihren Episoden auch zum Thema. Ihre Beschreibungen lesen sich interessant, machen neugierig und lassen auch manchmal den Humor der Schreiber und Jerusalemer durchblicken, was mir aber besonders gut an diesem Buch gefällt, es beschreibt mir dies ferne Land so wie ich es bislang nicht sah.

Wer sein feststehendes Israelbild antasten lassen möchte ist hier genau richtig!

SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5371-3, Preis 10, 95 Euro

Johannes Gerloff beantwortete buecherverandernleben nun folgende Fragen:

Lieber Herr Gerloff, seit Jahren leben Sie mit Ihrer Frau in Jerusalem. Seit vielen Jahren schon verfolge ich ihre Arbeit sehr kritisch. Viele Artikel in diversen Zeitschriften habe ich von Ihnen gelesen und dachte immer: "Was für ein blinder Israelfreund!". Aber seit Ihrem Buch "Die Palästinenser" ziehe ich den Hut vor Ihnen. Nun nehmen Sie Ihre Leser mit auf "Eine Busfahrt in Jerusalem". Sie berichten vom Alltag in Israel. Warum ist es wichtig in Deutschland über den israelischen Alltag Bescheid zu wissen?

Weil unsere Vorstellungen über Israel und seine Völker viel zu sehr von Klischees, Stereotypen und Vorurteilen bestimmt sind.

Was genau machen Sie in Israel?

Ich arbeite als Journalist und Theologe.

Ist es richtig, dass sich Israel als das auserwählte Volk betrachtet?


Zunächst einmal ist „Israel“ heute ein Staat mit einer großen nichtjüdischen Minderheit. Wenn „Israel“ das jüdische Volk ist, muss man sagen, dass sich dieses von Anfang an (man kann das in der Bibel nachlesen) gegen die Erwählung gewehrt hat. Sie wollten und wollen sein wie alle anderen Völker, ganz normal. Natürlich gibt es Juden, die an die Bibel glauben – und damit zum zweiten Teil Ihrer Frage:


 Ist es das und wenn ja warum?


Wenn Israel das auserwählte Volk ist, dann weil es jemand auserwählt hat. Die Bibel berichtet davon, dass sich Gott, der Schöpfer, Abraham, Isaak und Jakob offenbart hat, sich als „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ identifiziert hat und diese Erzväter und ihre Nachkommen „erwählt“ hat.

Bevor man aus diesen (biblischen) Aussagen Schlüsse oder „Kurzschlüsse“ zieht müssen zwei Dinge betont werden:

1. Diese biblischen Aussagen bedeuten noch lange nicht, dass sich damit alle Juden einverstanden erklären. Tatsache ist: Die Mehrheit tut das nicht.

2. Wäre zu klären, was „Erwählung“ biblisch bedeutet. Eines ist klar: „Besser“ sind „die Juden“ deshalb noch lange nicht – und fehlerfrei oder gar sündlos schon gar nicht.

Für viele Deutsche werden zu oft Israels Interessen in den Medien hervorgehoben, die der arabischen Seite fallen oft herunter. Sehen Sie dies ähnlich oder ist das nur ein Gefühl?

So pauschal kann ich diese Frage nicht beantworten. Richtig ist, dass die Araber das so sehen. Insofern würde Ihre Frage die arabischen Interessen hervorheben. Richtig ist allerdings auch, dass die meisten Israelis das genau umgekehrt sehen. Was „objektiv“ Tatsache ist, vermag ich nicht zu sagen. Dazu bräuchte man eine wissenschaftliche Erhebung. Allerdings ist ein Araber, der von einem Israeli gequält oder umgebracht wird, definitiv mehr Aufmerksamkeit in deutschen Medien wert, als Tausend Araber, die von ihren arabischen Brüdern gequält oder umgebracht werden. Der so genannte „Arabische Frühling“ liefert den besten Beweis dafür. Warum ist das so?

Das war nicht ausgemacht, dass Sie jetzt die Fragen stellen, außerdem ist mir die Frage viel zu schwer. In Anlehnung an Ihr Buch "Die Palästinenser" würden Sie dann meiner Aussage zustimmen: Genauso wie es nicht "den" Palästinenser gibt, gibt es auch nicht "den" Israeli?

Klar doch – oder gibt es „den Deutschen“?

Schon wieder 'ne Gegenfrage, dabei stelle ich doch hier die Fragen: Seit vielen Jahren schon leben Sie in Israel, wie sieht man dort heute die Deutschen?

Grundsätzlich sehr wohlwollend. Man weiß hier, dass Deutschland nach den USA der beste Freund Israels ist, man bewundert Deutschland und arbeitet in vielen Bereichen sehr, sehr eng mit Deutschland zusammen. Im Laufe der Jahre als Berichterstatter zwischen Israel und Deutschland habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Komplexe der Deutschen gegenüber den Israelis bei weitem größer sind als die Verletzungen oder deren Nachwirkungen auf Seiten der Israelis.

Glauben Sie an einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten und wie könnte der aussehen?

Natürlich glaube ich an einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten. In vieler Hinsicht erlebe ich ihn täglich – die Frage ist immer, ob man sich darauf konzentriert, dass ein Glas halb leer oder halb voll ist. Ich erlebe täglich, dass Juden und Araber nicht nur kooperieren, sondern sogar mit einander befreundet sind. Es gibt einen Grund dafür, dass viele Araber freiwillig ihren Dienst in der israelischen Armee tun und es gibt einen Grund dafür, dass es in der arabischen Welt so viele „Kollaborateure“ mit den „Zionisten“ gibt – und dieser Grund ist nicht nur pekuniärer Art.

Falls mit „Frieden“ eine politische Lösung oder gar ein „Endstatusabkommen“, das möglichst alle zufriedenstellt (nach dem es also überhaupt keinen Terror und keine Ungerechtigkeit mehr geben soll), meinen, dann bin ich ziemlich pessimistisch. Aber haben wir diese Lösung denn in Europa? (Jetzt komme ich schon wieder mit einer Gegenfrage J) Haben wir einen Friedensvertrag mit Polen, Russland, Frankreich, Tschechien oder auch nur der Schweiz? Wir haben aber Landstreitigkeiten mit der Schweiz – und es gibt so ziemlich mit allen anderen unserer Nachbarn Landstreitigkeiten… Vielleicht sollten wir den Leuten hier im Nahen Osten einmal vorschlagen, sich die europäische Lösung nach dem Zweiten Weltkrieg als Option zu überlegen, anstatt hier Lösungsvorschläge zu machen, die auch bei uns nie funktioniert haben.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich eine israelische Position vertrete (was im deutschsprachigen Raum gemeinhin argumentativem Suizid gleichkommt): Vielleicht sollten wir uns nach der Erfahrung des Arabischen Frühling und den Zigtausenden von Toten, die dieser jetzt schon gefordert hat, nicht doch einmal fragen, ob es nicht manche Probleme im arabisch-israelischen Konflikt gibt,  die in der arabischen Welt hausgemacht sind und für uns nur deshalb so attraktiv erscheinen, weil man dafür Juden verantwortlich machen kann. Ich meine das ernst mit dem Fragen (!), denn meine Gegenfrage auf Ihre Frage 4 ist so einfach nicht vom Tisch zu wischen. Das ist eine Anfrage an uns Deutsche! (Wobei ich jetzt nicht auf die Besonderheiten der deutsch-jüdischen Geschichte anspiele, sondern „uns Deutsche“ sage/schreibe, weil Sie und ich nun mal Deutsche sind. Wenn wir beide Engländer wären, würde ich „Engländer“ in diesem Zusammenhang sagen, weil das dort – wie auch bei den Franzosen – ebenso gilt.)

Herzlichen Dank für das sehr interessante Gespräch!
 

Auf Jerusalems Straßen 

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