Angelika Schrobsdorff (Hg.): Der Vogel hat keine Flügel mehr

Inzwischen gibt es ja unzählige Bücher, in denen das Schicksal von Menschen, die während des Nationalsozialismus lebten, dargestellt wird. Immernoch sind es vor allem die "Größen" (seien es nun die der Nazis oder die der Gegner), die dabei hauptsächlich betrachtet werden. In diesm Buch allerdings geht es um einen jungen Mann, der zumindest mir bis jetzt völlig unbekannt war. Trotz allen Zuredens seiner Familie, vor allem seiner Mutter ging er noch vor der Novemberpogromnacht ins Exil nach Portugal, wo er sich, der eigentlich nur "Halbjude" war, zum Juden erklärt. Er ist zu diesm Zeitpunkt der Einzige in der Familie, der die Gefahr erkennt. Seine Mutter, eine nichtreligiöse Jüdin, flieht erst im letzten Moment mit ihren beiden Töchtern nach Bulgarien.

Schon 1974 wurden die Briefe von Peter an seine Mutter auf Französisch veröffentlicht. Besonders die zärtliche Liebe, die Peter seiner Mutter entgegenbringt und sein Besorgtsein, aber vor allem seine Reflexionen über sich selbst und das, was er tut sowie die Erklärungen zu seinem Vorhaben seiner Mutter gegenüber machen die Briefe so interessant. Dieser begabte junge Mann, er spricht und schreibt mehrere Sprachen fließend, beschäftigt sich mit Literatur, Musik und Kunst, gibt sein bisheriges Leben und alle Annehmlichkeiten auf, verlässt seine Familie für seine Ideale und in der Gewissheit, dass er sich gegen die Nazis und ihre Unmenschlichkeit stellen muss. Wenn er auch in den Briefen an seine Mutter Vieles verschweigt, so wird doch seine sich festigende Überzeugung und sein wachsender Wille gegen die Nazis zu kämpfen deutlich. Als er 1941 der Forces Françaises Libres beitritt, bricht der Briefwechsel ab.

Die Briefe Peters an seine Mutter werden durch Kommentare seiner Halbschwester Angelika Schrobsdorff, Anmerkungen von Claude Lanzmann ("Shoah"), weitere Briefe sowie ein Nachwort von Ulrike Voswinkel ergänzt. All dies ergibt das Bild eines Mannes, der ohne Wenn und Aber seinen Idealen folgte. Deutlich werden aber auch das Leid, die Ungewissheit und Probleme der Exilanten im vermeintlich sicheren Ausland .

Es ist ungemein wichtig solche Zeugnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, denn vor allem die Geschichten der "normalen" Menschen sind von Bedeutung, um das ganze Ausmaß dieser Diktatur auf den Alltag der Menschen erahnen zu können.

 

DTV, ISBN 978-3-423-28008-2, 19,90 Euro

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