Angelika Reitzer:  unter uns

 

Gemessen an einem Menschenalter ist Angelika Reitzer eine junge Frau. Wer ihr neuestes Buch liest wird beeindruckt sein von der Weisheit dieser Frau.

Traurige Heldin des Buches ist Clarissa. Sie kommt zum Familienfest, zum letzten wie die Mutter sagt, sie will aus den Verpflichtungen ihrer Familie gegenüber heraus. Zum Thema Familie lese ich dann einen Absatz weiter: "Ein Land, in dem ich niemals gewesen bin, in dem wir nie zusammen gewohnt haben."

Die Autorin hat die gegenwärtige Gesellschaft durchschaut, in ihrem Buch nimmt sie ihr die Maske von Fortschritt und Sozialstaat. Dieses Buch ist Gesellschaftskritik vom feinsten. Je öfter ich umblättere, je mehr ich in Clarissas Welt eintauche, je mehr taucht bei mir Niedergeschlagenheit, ja sogar Endzeitstimmung auf. Ob Clarissa grad deshalb als ein Schatten ihrer selbst in ein Kellerzimmer einzieht?

Wenn Clarissa wieder einmal auf der Brücke steht und ich nicht weiß, ob sie in der nächsten Sekunde springt oder nicht, möchte ich sie am liebsten aus ihrer depressiven Stimmung und vom Brückengeländer wegreißen - aber wohin dann mit ihr?

Angelika Reitzer hat uns mit ihrem Buch ein großes Stück Arbeit in den Lesesessel gelegt. Sie hat ihren Finger auf Wunden gelegt, die nun niemand mehr übersehen kann. Jeder Leser sollte Schlüsse ziehen - vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung.

 

Christian  Döring

 

Residenz Verlag, ISBN 978-3-7017-1549-7, Preis 21, 90 Euro

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