Ken Follett:  Sturz der Titanen

 

Nach 1022 Seiten "Sturz der Titanen" kann ich behaupten, es ist gut das Ken Follett das Mittelalter verlassen hat. Dieses erste Buch seiner groß angelegten Trilogie führt uns in das "gewalttätigste Jahrhundert der Menschheit", Follett meint damit das 20. Jahrhundert.

Der Autor aus Wales beginnt sein beeindruckendes Werk mit dem 13 jährigen waliser Jungen Billy. Zum ersten mal in seinem Leben fährt er in eine Kohlegrube ein. Einer der Kohlekumpel spielt ihm einen Streich und sorgt dafür, dass er im dunkeln ganz allein da steht. Aus Angst singt Billy den alten Choral: "Er ist erstanden aus dem Grab" und er hält durch ohne vor Furcht loszuheulen. Mit diesem Choral in dem Jesus aus dem Grab aufersteht und damit eine völlig neue Zeit beginnt, fängt auch dieser großartige Roman an. Er beschreibt eine Zeit in der Europa so grundlegend von seinen Bewohnern verändert wird wie bis dahin selten in seiner Geschichte.

Einzelschicksale wie die sich so unterschiedlich entwickelnden russischen Brüder Grigori und Lew Peschkow, der sich nach Demokratie sehnende Deutsche von Ulrich oder die englische Frauenrechtlerin Ethel sind es, die diesen Roman bunt und farbig machen. Sie zeigen uns wie die Menschen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Europa lebten und wie sie sich für Veränderungen stark gemacht haben. Der Leser wird Zeuge großer politischer Ereignisse.

Historische Politikerpersönlichkeiten kommen ebenfalls in Folletts Roman vor. Sicher kann nicht einmal ein Autor von seinem Kaliber alles historisch genau belegen, aber darauf kommt es hier auch nicht an. Es bleibt eine Gradwanderung zwischen Wahrheit und Fiktion, wobei Ken Follett versichert, dass er unter anderem Parlamentsprotokolle wahrheitsgetreu widergibt, wenn auch leicht gekürzt.

In dieser europäischen Geschichte geht es nur vordergründig um Menschen aus Russland, Deutschland und England. Vielmehr schildert Ken Follett äußerst spannend unsere gemeinsame Geschichte auf unserem alten Kontinent aus unterschiedlichster Perspektive. Dies sind auch die zwei unterschiedlichen Erzählebenen. Zum einen die Einzelschicksale und zum anderen der Blick auf das Europa der jeweiligen Jahre.

Für politisch interessierte Leser wird dieses Buch ein Genuss sein. Für die Politikmuffel unserer Zeit ist dieses Werk vielleicht der etwas anderer Zugang zur europäischen Geschichte. Ken Follett ist es sehr gut gelungen, dem Leser das Gefühl zu vermitteln, an welcher Stelle in der europäischen Geschichte die Vision vom gemeinsamen zu Hause Europa geboren wurde. Sehr gespannt bin ich auf die beiden Folgebände der Trilogie.

 

Christian  Döring

Lübbe, ISBN 978-3-7857-2406-4, Preis 28, 00 Euro

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