Paul Lendvai:  Mein verspieltes Land

 

Der Autor des vorliegenden Buches wurde in Budapest geboren und lebt seit 1957 in Wien. Obwohl er seit Jahrzehnten österreichischer Staatsbürger ist, spürt man dem Buch ab, dass Lendvai aktuelle Entwicklungen in seinem Geburtsland nicht kalt lassen.

Prof. Paul Lendvai geht vor allem der Frage nach: Wie konnte Ungarn vom liberalsten Staat unter den kommunistischen Ostblockländern zu einem Land werden, dass heute von einer national - rechtskonservativen Partei regiert wird und in dem heute fremdenfeindliche, rassistische und antisemitische Töne wieder salonfähig geworden sind?

Um die Ungarn zu verstehen, muss man und der Autor tut dies, weit in die Geschichte zurückgehen. Lendvai vergleicht die Ungarn ein Stück weit sogar mit den Juden. Er bedient sich dabei eines Zitates von Horst Krüger: " Eigentlich sind die Ungarn wie die Juden ein versprengtes Volk, ein Volk, das immer wieder unterworfen und entrechtet wurde, aber nicht aufgab wie die Juden . . . Sie übten sich in der Kunst des Überlebens."

Ungarn ist in vielem anders als seine Nachbarländer. Der Autor zeigt deutlich Unterschiede auf. Eine Landkarte von Österreich - Ungarn vor dem I. Weltkrieg und eine vom Ungarn von heute veranschaulicht dabei die Ausführungen von Paul Lendvai.

Wichtige Nachwendepolitiker und vor allem ihre politische Motivation nimmt der Autor sehr genau unter die Lupe. An Jozsef Antall, Gyula Horn und dem derzeitigen ungarischen Kometen Viktor Orban macht Lendvai die Entwicklung Ungarns deutlich und zeigt in seiner politisch - glasklaren Analyse warum Ungarns Weg nur in der rechten Ecke landen konnte.

Ein wenig betroffen macht es mich schon, dass ein Mann vom Format eines Paul Lendvai nirgendwo Hoffnungsschimmer am ungarischen Pusztahimmel entdecken kann. Er sagt zwar, dass Ungarns Zukunft nur in der europäischen Gemeinschaft zu suchen sei, aber für mich klingt dies beinah resignierend.

 

Christian  Döring

 

Ecowin, ISBN 978-3-902404-94-7, Preis 23, 60 Euro

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