Martin Walser: Mein Jenseits

 

Was bleibt uns, wenn wir von aller Macht getrennt werden, wenn wir uns selbst anschauen müssen? Leben ist  nachhaltiges, langfristiges Entmachten alles Außenorientierten. Unser Ego schmilzt wie Butter in der Sonne. Gott sei Dank würde Feinlein sagen.

Genau dann wird offenbar, was wir mit uns selbst an-fangen können. Existenzielle Themen beginnen zu brennen und verdichten sich zu kurzen, klaren Sätze: Zum Beispiel "Glauben ist schön."

Augustus Feinlein verliert alles, seinen Job, seine Traumfrau hatte er sowieso nur im Traum und auf Postkarten. Trotzdem glaubt er unverbrüchlich und irrwitzig verworren. Er nimmt sich die Jungfrau Maria, verbindet sich mit ihr und bewundert sie. Und weiter: "Du nimmst zu Hilfe was es gibt, Astrologie, Religion, Psychologie, Logik, Philosophie. Je mehr du redest, desto weniger kommt, was zu redest, in Frage. Deine Niederlagen sind die Siege des Unerklärlichen."

Martin Walser schreibt aphoristische Wahrheiten, kurzgewaltig, verdichtet auf das Wesentliche, auf das Unsagbare. Schon zu Beginn wird mit dem skuril zurückgezogen lebenden Bruder des Bauers dieses Stille, Ruhige, nicht mehr Teilnehmende eines Menschen beschrieben. Es ist jenseits des Normalen und alle Einwohner schätzen die Tatsache, dass man mit Tieren reden kann, dass man von nichts mehr besessen wird außer von der Ruhe des Selbst. Man wird mit dieser Stille bewundert und zu einem Helden im Ort, den jeder für sich selbst zum Besten wendet.

Von Niederlage zu Niederlage steigt die Hoffnung. Und Feinlein ist in diesem Sinne hoffnungslos hoffnungsvoll. Sich kaputt fantasieren, das ist sein Ziel.
"Alles wiederholt sich im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie. Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie!" Dieser Aussage von Friedrich Schiller, fühlt sich Feinlein verbunden, das NIchtstattgefundene ist sein Jenseits, seine Träume sein Leben, sein reines Gewissen. Er, und damit Walser, möchte, dass man seine Skurilität, sein Zurückziehen in Verschrobenheiten akzeptiert und nachsichtig betrachtet.

"Ich will keinen einzigen Menschen überzeugen. Nur mich selbst. Wenn mir das gelingt, wenn mir das gelänge, wäre ich der glücklichste Mensch in dieser Welt." Martin Walser ist mit diesem Buch die Loslösung von Kritikern gelungen, er schreibt nur für sich selbst und verliert allen harten, grantelnden Schmäh, der diesen leicht miesepetrig auftretenden Dichter so gerne umgibt.
 
Dieses Buch liest sich wie das Testament eines alten weisen Mannes.
 
Berlin University Press Februar 2010
119 Seiten
ISBN 978-3-9404-327-73
19,90 Euro
 
 
 
 

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