Tilman Jens:  Freiwild

Nachdem Tilman Jens kurz davor stand in seiner Schule eine Ehrenrunde drehen zu müssen, begann seine Schulkarriere im September 1972 in der Odenwaldschule. Er erinnert sich an diese Zeit zurück: " . . . auf der Odenwaldschule waren Gehorsamsbenotungen seit ihrer Gründung (1910) gestrichen . . ."

Er vergleicht seine Odenwaldschule intensiv mit Kästners "Fliegendem Klassenzimmer". Den dort so sympathischen Bökh vergleicht er mit Gerold Becker. Das mag erstaunen, so manch einen auch entsetzen, aber wie der Autor und Zeitzeuge Tilman Jens seine Ausführungen begründet, überzeugt.

"Nestentschmutzung"

Der in den Medien oft als "Monster" beschriebene Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker ist inzwischen verstorben. Tilman Jens hat Becker selbst als Lehrer in seiner Schülerzeit kennengelernt. Der Autor versucht zu verstehen was da passiert ist. Reinwaschen will er Gerold Becker keinesfalls, aber versuchen zu verstehen. Dazu hat er sich andere ehmalige Mitschüler gesucht und lässt diese in seinem Buch auch zu wort kommen.

Einer beschreibt Becker bis zum heutigen Tage als "fabelhaften Pädagogen", einer meint: " ... er hat mich wie kein zweiter Lehrer verstanden." und einer ist dabei der beschreibt wie Gerold Becker einst begann ihn zärtlich zu streicheln, als der Schüler dann konsequent "nein" sagte, hörte Becker auf. Der Autor will nicht den Eindruck erwecken, die Opfer hätten einfach nur konsequent nein sagen müssen, für ihn kommt es darauf an, den Mann Gerold Becker, seine Zeit und Fehlentwicklungen zu verstehen.

"Steife Hierarchien hatten ausgedient. Schüler und Lehrer ... lebten in kleinen Parzellen zusammen, Tür an Tür ... "

Was mich beim Lesen verwundert ist die Tatsache, dass viele, die sich heute über ihre einstige Schulzeit auf der Odenwaldschule äußern, bereits damals scheinbar vieles wussten. Eine Schülerin bestätigt im Buch, dass sie damals wusste, dass Becker mit seinen Jungs gemeinsam Duschen geht und das sie sich gemeinsam einseifen.

Für den Autor ist die Odenwaldschule ein Lehrstück von Opfern und Tätern, längst viel mehr als nur zahlreiche Ausrutscher einiger weniger pädophiler Lehrer an ihren Schülern, er will gemeinsam mit Rita Süßmuth geklärt haben: "Was verwandelt Nähe zu Missbrauch?"

Tilman Jens macht mit seinem Buch klar, was an dieser Schule geschehen ist, ist auch ein Ergebnis von Fehlentwicklungen in der Pädagogik. Er stellt unbequeme Fragen und erarbeitet mühevoll Antworten. Mir ist klar: Dieses Buch und diese Rezensions wird die Geister scheiden, wer allerdings eine Wiederholung des Geschehens in der Odenwaldschule und Anderswo nicht zulassen will, der muss Ursachenforschung betreiben. Genau dies tut Tilman Jens in aller Offenheit.

Ein lohnendes Buch zu einer längst nicht abgeschlossenen Diskussion!

 

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06744-5, Preis 17, 99 Euro

 

Zu diesem Buch gewährte  der Autor Tilman Jens buecherveraendernleben folgendes Interview:

 

 

Lieber Herr Jens, Sie selber waren Schüler in der Odenwaldschule. Wie alt waren Sie damals und beschreiben Sie uns bitte kurz die Stimmung an ihrer Schule aus Sicht des Schülers Tilman Jens.

 Ich bin erst recht spät, mit 17 Jahren, auf die Odenwaldschule
gekommen und habe dort das zwölfte und dreizehnte Schuljahr besucht. Für
mich, ich betone: für mich war es eine wunderbare, erfüllte Zeit. Der
Unterrricht war phänomenal, wir Schüler saßen oft bis tief in die Nacht
und diskutierten über Beckett und Nietzsche, über das Wesen der
Statistik oder die Soziolinguistik. Das Miteinander mit den Lehrern war
weitgehend partnerschaftlich, das Klima umwerfend liberal, die
gruppendynamischen Prozesse innerhalb der Schülerschaft anregend, die
Lieben intensiv und oft von großer Theatralik. Dass diese von mir so
beglückend empfundene Schule auch und gerade zu meiner Zeit reihenweise
Opfer produziert hat und schutzbefohlene Kinder durch Missbrauch tief
traumatisierte, habe ich damals nicht gesehen. Das beschämt mich heute.

Jetzt haben Sie Ihr mutiges Buch "Freiwild" vorgelegt. Es erregt Aufsehen, es hagelt Kritik, sicher haben Sie im Vorfeld damit gerechnet. Warum war Ihnen  dieses Buch dennoch so wichtig?

Nun ja, es hagelt ja auch freundliche Kritiken. Aber in der
Tat, die zum Teil wüsten Anwürfe, kommen nicht ganz überraschend. Es
liegt im Trend eine Institution wie die Odenwaldschule mit
Schwarz-Weiß-Denken abzukanzeln, doch vieles ist differenzierter zu
betrachten. Gerold Becker war eben nicht nur ein pädophiler Verbrecher,
sondern auch ein großartiger Lehrer.
Dieser Widerspruch ist schwer
auszuhalten, aber die Geschehnisse sind, glaube ich, nur so zu
verstehen. Mit Hysterie und zum Teil falschen Anschuldigungen lässt sich
die dringlich erforderliche, schonungslose Aufklärung nicht
vorantreiben. Ich habe mein Buch geschrieben, um ein möglichst
differenziertes Bild der Geschehnisse zu zeichnen. Mit Generalverdacht
kommen wir nicht weiter.


Ein Mann der 30 Jahre lang in der Odenwaldschule war, fragt in seiner Wortmeldung zu "Freiwild": "Welche Gerechtigkeit steht einem Menschen zu, der die Seele eines Kindes zertrümmert, ihm eine Kränkung zufügt, die unüberwindbar bleibt?"

Sehen Sie es mir nach: ich bin kein Freund der biblischen
Parole "Auge um Auge, Zahn um Zahn" das heisst, auch ein Mann, der
Straftaten beging, auch ein Missbrauchstäter hat Anspruch auf
Gerechtigkeit, auf eine faire Klärung der ihm zu Last gelegten Delikte.
Ich bin nun einmal, auch wenn's manchem unbequem ist, ein Anhänger des
Rechtsstaats.

Was ist damals in der Odenwaldschule falsch gelaufen in der Pädagogik?

 Ob in der Pädagogik etwas falsch gelaufen ist, weiß ich nicht.
Aber es haben die nötigen Kontrollmechanismen gefeht. Gerold Becker
etwa, der nicht nur Leiter, sondern zugleich sein eigener Stellvertreter
war, hatte entschieden zuviel Macht. Und wir alle, die Lehrer, aber auch
viele der Schüler, hatten zuwenig Sensibilität für das, was sich an
perfidem Missbrauch abspielte. Wir waren mit uns beschäftigt. Das Wort
Missbrauch existierte nicht in unseren Köpfen.


 Kann sich im Jahre 2011 so etwas wie in der Odenwaldschule noch einmal wiederholen?

 Kurz und Knapp: Nein! Es dürfte heute kaum ein anderes
Internat geben, mit einem so geschärften Sensorium für Missbrauch.

 Ihre beiden letzten Bücher "Demenz", da reden Sie über Verhältnis zu ihrem berühmten Vater und auch jetzt "Freiwild" haben Ihnen sehr viel Kritik eingebracht. Würden Sie beide Bücher aus heutiger Sicht wieder veröffentlichen und warum?

Aber ja doch, selbstverständlich würde ich diese Bücher
wieder schreiben. So sehr manche Kritik, gerade wenn Sie ungerecht ist,
auch schmerzt: Es gibt für einen Autor kaum etwas Schöneres, als zu
einem kontroversen Diskurs zu animieren, sei es nun über "Demenz" oder
über die Aufklärung sexualisierter Gewalt.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch mit buecherveraendernleben.

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