Haller: Die Stecknadeln des Herrn Nabokov

 

 

Was mein Namensvetter mir da in seinem Buch verpasst, dass sind 27 Nadelstiche mitten in mein Hirn. Passen Sie nur auf, damit Sie beim Lesen nicht auch von Christian Haller getroffen werden.

Mit 27 kurzen Beiträgen ist er der Zeit, die nur scheinbar nicht mehr ausreichend vorhanden ist auf der Spur. Er stellt Vergleiche an zu früher, aber er schildert auch seine aktuelle Beobachtungen. Da sitzen sich beispielsweise drei erwachsene Leute gegenüber und finden keinen gemeinsamen Termin für ein nächstes Gespräch, letztendlich beschließen sie dann per Mail weiterzureden.

Der Autor selbst will einen Freund wiedertreffen, aber der hat erst im übernächsten Monat am Dienstag für zwei Stunden Zeit. Was bleibt da alles auf der Strecke? Wie zwängen wir uns doch da in ein Korsett, dass uns am Leben hindert. Christian Haller hat dies genau im Visier.

Sehr deutlich führt er uns den Irrsinn unserer scheinbar nicht vorhandenen Zeit vor Augen und obwohl ich beim lesen desöfteren lächeln muss, überwiegt doch die bittere Einsicht in die Richtigkeit der Worte des Autors. Unsere Alltagshatz ermöglicht uns vieles, aber unser Mensch sein ist gerade im Begriff verloren zu gehen.

Der Ruheständler Christian Haller verspürt Lust eine Kunstsammlung zu besuchen. Er spürt förmlich beim betreten des Foyers wie der Lärm und die Hektik draußen bleiben, er meint zu beobachten, dass die Menschen sich in der Kunsthalle anders bewegen. Und doch findet Christian Haller nicht das was er sucht. Er will wieder raus, steht an der Kasse und überlegt einen Katalog der Gemälde zu kaufen: "Alles ist reproduziert und macht alles allen verfügbar." Der Autor wendet sich ab und verlässt ohne Katalog die Kunsthalle.

Wer sich von den Stecknadeln des Christian Haller treffen lässt, wird das neue Gespür für Zeit erahnen. Heilende Einsichten auf unseren Alltag will der Autor vermitteln. Manchmal will es mir scheinen als wären wir Menschen blind und taub gegenüber dem geworden was uns eigentlich ausmacht - da werden solche Mahner wie Christian Haller umso wichtiger.

 

Christian  Döring

 

Luchterhand, ISBN 978-3-630-87350-3, Preis 17, 99 Euro

 

 

 

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