Wolfgang Schlüter:  Die englischen Schwestern

 

Werner und Schorse treffen wir als erstes in diesem Buch. Beide stehen in Berlin Ecke Duden - / Katzbachstraße, schwelgen in Erinnerungen und stellen sich zumindest im Reden den Herausforderungen der Gegenwart.

Gemeinsam mit den Beiden wandert der Leser durch Berlin. Wolfgang Schlüter will mit Berliner Mundart glänzen. Beim Lesen denk ich mir jedoch, hätt er's besser gelassen. Zum Glück kommen noch 11 weitere Kapitel und machen das Dutzend voll. Gut, dass sich ab sofort die literarische Qualität erheblich steigert.

Stark, liebenswert und sehr direkt mache ich die Bekanntschaft der Bettlerin Marianne Kirchgeßner, die "infolge der Kindsblattern" mit vier Jahren erblindete und nun von Tag zu Tag hofft ein wenig Geld zu erbetteln. Tja, "früher hatte ich hin und wieder noch eine Harmonika dabei aus Glas, aber Sie können sich denken, daß die Musik bald nicht mehr ankam gegen den Lärm der Lastkraftwagen . . ." Das Vorrecht des Dichters Schlüter ist es, dieser Frau im Buch 1769 und auch 1971 zu begegnen. Das Buch gewinnt durch diese Begegnungen.

Der Leser lernt viele Charaktere kennen. Und sah es zu Beginn beim Treffen von Werner und Schorse in Berlin noch so aus, als hätten sie alle miteinander nichts zu tun, so sind sie spätestens ab Kapitel 2 durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden. Mit Hilfe eben dieser Charaktere befähigt Wolfgang Schlüter seine Leser sich zwischen Gegenwart und Spätaufklärung zu bewegen.

So hat dieses Buch etwas von Poesie und ist doch ein Geschichtenbuch, fächerübergreifend und an den Schwellen von Jahrhunderten nicht Halt machend. Wer das erste Kapitel, dass mir völlig überladen scheint erst mal überstanden hat, wird froh sein dieses Buch gelesen zu haben. Es erweitert den Horizont und trägt uns sogar die Bekanntschaft von Anne und Cecily Davies ein. Sie sind nicht nur die englischen Schwestern sondern auch die Nichten von Benjamin Franklin.

 

Christian Döring

 

Eichborn, ISBN 978-3-8218-5843-2, Preis 21, 95 Euro

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