Utta Roy - Seifert:  Der Webfehler

 

"Augen, meine lieben Fensterlein,

gebt mir schon so lange holden Schein,

lasset freundlich Bild um Bild herein:

einmal werdet ihr verdunkelt sein . . ."

Diese Zeilen von Gottfried Keller hört eine alte Freundin der Autorin am Abend bevor sie in das Konzentrationslager soll. Sie wird Theresienstadt nie erreichen, weil sie sich vorher umbringt.

Utta Roy - Seiffert schreibt gegen das Vergessen. Die aus Breslau stammende lässt Revue passieren was nicht vergessen werden darf. Sie besucht die Stätten der Erinnerung. Ihren um Jahre jüngeren Bruder nimmt sie mit. Der schaut bereits als Historiker in das Angesicht von Breslau. Die Autorin sieht als bewusste Zeitzeugin, schilder Personen und Begebenheiten.

Vom Januar 33 erzählt sie und von ihrem "Webfehler". Einen jüdischen Großvater hatte sie, ihre Akte war also befleckt, sie hatte einen Webfehler im Stammbaum. Plötzlich wurde das sehr wichtig . . .

Authentisch, ohne dabei auf des Lesers Tränendrüsen zu drücken, erzählt Utta Roy - Seifert privates, dass politische Entwicklungen widerspiegelt.

Später dann wird sie Übersetzerin, lebt in Österreich und wird für ihre Übersetzerarbeit hoch dekoriert. Sie glaubt erkannt zu haben, warum sie ausgerechnet Übersetzerin wurde: Dieser Beruf "erfordert unbedingte Konzentration auf einen Text, der mit dem eigenen Leben wenig oder gar nichts zu tun hat. So brauchen sie sich nicht allzu intensiv mit den eigenen Problemen zu beschäftigen . . ."

Mag sein, dass dieser Beruf der Autorin eine Hilfe in ihrem Lebe gewesen ist. Ich finde es sehr gut, dass sie für mich und sicher viele andere Leser, Geschichten und Erlebnisse weiterträgt, die es zu erhalten gilt.

 

Christian  Döring

 

Limbus Verlag, ISBN 978-3-9025-3435-4, Preis 14,90 Euro

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