Friedrich Christian Delius:  Als die Bücher noch geholfen haben

Oft schreibt der Pfarrerssohn Friedrich Christian Delius über sich und fängt dabei den Duft, manchmal auch den Mief von Generationen ein, aber immer ist seine Schreibe lebendig vermittelte Geschichte.

In seinen "Biografischen Skizzen" ist es ähnlich. Er sagt "die Lust am Widerspruch" beflügelte sein Schreiben. Erst nahm er Stellung gegen Väter und Götter, später dann gegen Macht, Wirtschaft und Ideologie. Wer nun allerdings meint der Autor könnte so ohne weiteres in eine linke Ecke gestellt werden, der irrt!

Als sehr persönlich und offen habe ich dieses Buch genossen: "Gerettet durch das Schreiben, aufgestiegen vom verschüchterten Knaben zum studentischen Dichterling ...". Delius nimmt mich mit in die unruhigen 60er Jahre und in seine Gruppe 47. Ein wenig Ahnung sollte der Leser schon mitbringen von dieser Zeit, damit er sich in ihr und diesem Buch nicht verliert. Liest man diese Seiten, wird einem einmal mehr bewusst, wie stark sich dieses Land literarisch und auch politisch in den letzten Jahrzehnten bereits verändert hat, wie artig es geworden ist. Da klingt es beinah wie ein ernst zu meinender Ratschlag wenn der Autor über die Meinungsvielfalt schreibt: "... je feuriger sie sich widersprechen, desto besser, Eitelkeit hin oder her."

Aber Delius aalt sich nicht nur in Geschichte und Rückblick, er ist schon vor der Politik in der Gegenwart angekommen. Dies wird besonders in "Ein Traum von Europa" klar.

Dieses Buch zeigt einmal mehr, mit Delius und der Literatur ist zu rechnen, auch wenn der Autor bereits völlig neue Herausforderungen in der Gegenwart erkannt hat, so war es doch auch ein herrlicher Spaziergang durch die Literaturgeschichte des letzten halben Jahrhunderts!

Rowohlt, ISBN 978-3-871-34735-1, Preis 18, 95 Euro

 

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